
Vom Meer, vom Wind und der kleinen Susanne
Über die Weite des Meeres, einen Wind, der außen und innen vieles aufwirbelt – und darüber, was es braucht, um wieder mehr bei sich anzukommen.
9/6/20265 min read




Vielleicht auch deshalb, weil Freiheit für mich so wichtig ist. Kaum etwas fühlt sich für mich so sehr nach Freiheit an wie diese Weite: ein langer Strand, der Horizont vor mir, der Blick hinaus ins scheinbare Nichts. Besonders hier in Holland, wo die Strände so breit sind und man selbst darin plötzlich nur noch wie ein kleiner Punkt wirkt.
Ich könnte stundenlang am Strand entlanggehen und aufs Meer schauen. Nicht unbedingt hineinschwimmen – davor habe ich tatsächlich ziemlich großen Respekt. Aber dort zu stehen, hinauszublicken und diese Weite zu spüren, ist für mich normalerweise der Inbegriff von Freiheit.
Dann wird plötzlich vieles klein. All das, was wir im Alltag so wichtig nehmen. Unsere Gedanken, unsere Sorgen, unsere Pläne. Und irgendwo dazwischen sind wir selbst nur ein kleiner Punkt auf diesem riesigen Strand – nur ein Sandkorn.
Auf diese Reise habe ich mich lange gefreut. Zweimal hatten wir schon einen Nordseeurlaub geplant, zweimal kam etwas dazwischen. Diesmal sollte es endlich sein! Nicht Dänemark, wie ursprünglich gedacht, sondern Holland. Etwas Vertrautes. Ein Ort, wo wir schon öfter waren und den wir kennen. Eine schöne Unterkunft. Eigentlich genau das, was sich auch für mein Nervensystem gut angefühlt hat.
Dieses Mal fühlte sich die Nordsee allerdings anders an, als ich sie kenne. Sie zeigte sich von ihrer wilden, rauen, fast naturgewaltigen Seite – faszinierend und gleichzeitig fordernd.
Vor allem, weil diese Intensität nicht nur für ein paar Stunden oder einen einzelnen Tag da war. Der starke Wind begleitete uns über mehr als eine Woche und wurde dadurch zu einer ständigen Präsenz.
Dass die Nordsee windig, wild und rau sein kann, war mir natürlich klar. Aber diesmal begleitete uns der Wind jeden einzelnen Tag – stark, laut und ununterbrochen. Und mit ihm veränderte sich auch das Meer: Es wurde wilder, lauter, kraftvoller, mit rollenden Wellen und einer fast ungebremsten Energie.
An ein oder zwei Tagen war es so intensiv, dass er mir beim Gehen regelrecht entgegenpeitschte. So stark, dass ich zeitweise das Gefühl hatte, kaum atmen zu können. Als würde mir diese Luft, die doch eigentlich für Weite und Freiheit steht, plötzlich selbst die Luft zum Atmen nehmen.
Wie nah Freiheit und Enge manchmal beieinanderliegen können. Auch im Leben existiert nie nur eine Seite für sich. Weite und Enge, Ruhe und Unruhe, Freiheit und Begrenzung – beides ist immer da und bekommt oft erst durch sein Gegenüber seine Bedeutung.
Besonders fordernd habe ich den Wind ausgerechnet in unserer Unterkunft wahrgenommen. Sie war wunderschön und hätte eigentlich ein Rückzugsort sein können – ein Platz zum Ankommen, Ausruhen und Auftanken. Doch genau das war sie für mich in diesen Tagen nicht.
Durch die Hellhörigkeit war der Wind auch drinnen ständig präsent. Selbst dort, wo der Wind meine Haut gar nicht erreichte, blieb er ständig hörbar. Und genau das hat mir gefehlt: ein Ort, an dem ich mich wirklich zurückziehen konnte. Ein Raum, in dem es stiller wird und mein System zur Ruhe kommen darf.
Dieses dauernde Pfeifen, Rauschen und Heulen machte meinen Kopf unruhig und mein ganzes System nervös. Es fiel mir zunehmend schwer, mich zu zentrieren. Ich fühlte mich weniger geerdet.
In mir sah es ungefähr so aus wie am Strand, wenn der Wind die feinen Sandkörner erfasst. Sie sinken zu Boden, liegen für einen kurzen Moment still – und schon kommt die nächste Böe und wirbelt alles wieder auf.
So fühlte ich mich auch.
Und genau da kam immer wieder die Frage:
Was braucht es gerade, damit ich gut für mich sorgen kann?
Eigentlich wusste ich es sogar. Mehr Ruhe. Mehr Rückzug. Zeit alleine. Weniger Reize.
Nur war genau das auf dieser Reise gar nicht so leicht. Wir waren viel unterwegs, wollten vieles sehen und erleben. Meine Auszeiten, die ich normalerweise sehr brauche, kamen dabei immer wieder zu kurz. Ich habe versucht, mir wenigstens zwanzig Minuten am Tag bewusst für mich zu nehmen.
Und gleichzeitig habe ich deutlich gespürt: Eigentlich bräuchte ich gerade mehr.
Vielleicht trifft dieser Wind auch auf eine Zeit, in der ohnehin vieles in Bewegung ist. Es verändert sich einiges. Manche Dinge sind im Umbruch, anderes beginnt sich neu zu sortieren.
Und plötzlich erinnert sich etwas in mir.
Schon als Kind konnte ich Wind kaum aushalten. In meinem Elternhaus pfiff er oft ums Haus, besonders nachts. Ich weiß noch, wie ich manchmal das Zimmer wechselte. Und wenn es ganz schlimm war, kroch ich unter unsere Essecke, zog mir eine Decke über den Kopf und wollte einfach nur, dass dieses Geräusch aufhört.
Manchmal fühlte ich mich hier wieder wie diese kleine Susanne, die sich am liebsten irgendwo verkriechen würde, bis draußen alles still wird.
Ich muss noch gar nicht genau verstehen, was der Wind in mir berührt. Es reicht gerade, wahrzunehmen:
Was passiert in mir?
Wo verliere ich meinen Boden?
Was bringt mich wieder zurück zu mir?
Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich am Markermeer – einem großen Binnengewässer südlich des IJsselmeers. Kein offenes, wildes Meer wie die Nordsee, und doch liegt auch hier diese besondere Weite vor mir. Heute ist das Wasser ruhig, die Sonne spiegelt sich darin und kaum ein Windhauch ist zu spüren. Nach all den stürmischen Tagen merke ich, wie mit der Ruhe im Außen langsam auch in mir wieder mehr Ruhe einkehrt.
Die Sonne scheint. Es ist angenehm warm. Fast kein Wind. Vor mir glitzert die Abendsonne auf dem Wasser.
Und ich merke, wie sich auch in mir langsam wieder etwas legt. Wie die Sandkörner, die endlich nicht mehr durch die Luft fliegen. Mein Kopf wird ruhiger. Mein Körper wird weicher. Ich kann wieder weiter atmen.
Es ist faszinierend, wie sehr das Außen auf unser Inneres wirken kann.
Und wie schnell wir Dinge in Gegensätze einteilen:
Weite oder Enge.
Freiheit oder Begrenzung.
Ruhe oder Bewegung.
Dabei können sie gleichzeitig da sein.
Das Meer kann für mich der Inbegriff von Freiheit sein – und derselbe Wind kann mir für einen Moment die Luft zum Atmen nehmen.
Vielleicht geht es gar nicht darum, nur die Weite zu wollen und die Enge loszuwerden. Sondern wahrzunehmen, was gerade da ist, und immer wieder zu fragen:
Was brauche ich jetzt, um gut bei mir zu bleiben?
Das Meer schenkt mir diese unglaubliche Weite. Es erinnert mich daran, wie klein wir manchmal sind und wie wenig wir kontrollieren können.
Und manchmal zeigt es mir auch ganz deutlich, wo es in mir selbst gerade noch stürmt.
Ich liebe das Meer.
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